Gerhard Taschner

Zwischen Weltruhm und Vergessensein


Prag: Ein 7jähriger debütiert mit einem Violinkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart.
Wien: 10jährig konzertiert er mit den Wiener Sinfonikern, mit 13 gibt er unter Felix Weingartner drei Violinkonzerte an einem Abend.
Berlin: Wilhelm Furtwängler engagiert den 19jährigen als Ersten Konzertmeister des Berliner Philharmonischen Orchesters.
Gerhard Taschner, geboren 1922 im mährisch-schlesischen Jägerndorf, wuchs auf in der Tradition der ehemals österreichisch-ungarischen Musikkultur: Studium bei Jenö Hubay in Budapest, Bronislaw Huberman und Adolf Bak in Wien, außerdem Bekanntschaft mit den musikalischen Größen der damaligen Zeit wie dem Pianisten Moriz Rosenthal.
Nach dem Krieg folgte eine beispiellose solistische Karriere. Seine Konzertreisen führten ihn bis nach Südamerika, wo er »der Manolete der Geige« genannt wurde (Manolete war ein berühmter Stierkämpfer). Zahlreiche Violinkonzerte zählten zu seinem Repertoire, angefangen von Johann Sebastian Bach bis hin zu Wolfgang Fortner, der ihm 1947 sein Konzert widmete, nachdem der Violinpart in enger Zusammenarbeit mit Taschner entstanden war. Dazu kamen Kammermusik und Virtuosenliteratur von Tartini über Paganini bis Kreisler. Seine Partner waren Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Leonard Bernstein und Rudolf Kempe, Pianisten wie Walter Gieseking, Michael Raucheisen, Edith Farnadi, Huber Giesen oder der Violoncellist Ludwig Hoelscher. Die Pianistin Elly Ney 1946: »Taschner füllt eine jahrzehntelange Lücke aus: Vulkanisches Temperament, Disziplin und Innigkeit = vollendetes Gleichmaß.«
Gerhard Taschner war ein echter Podiumskünstler: Er konnte sein Publikum hinreißen, und das begeisterte Publikum beflügelte ihn. Kein Wunder, daß nur wenige Schallplattenaufnahmen in steriler Studio-Atmosphäre entstanden. Kein Wunder auch, daß er deshalb nach seinem Rückzug vom Podium in Vergessenheit geriet.
Seit 1950 hatte Taschner eine Professur an der Berliner Musikhochschule inne, der er sich ab Mitte der 60er Jahre ausschließlich widmete. Er starb am 21. Juli 1976 im Alter von nur 54 Jahren.
»Sein künstlerisches Vermächtnis ist in über 100 Rundfunkmitschnitten, kaum jedoch auf Schallplatte dokumentiert. Beim Anhören dieser Aufnahmen wird erkennbar, daß Taschner zu den ganz herausragenden geigerischen Begabungen dieses Jahrhunderts gehört. Als Geiger verfügte er über Fertigkeiten, die nur mit denen von Berühmtheiten wie Jascha Heifetz, Natan Milstein oder Vasa Prihoda zu vergleichen sind.« (Norbert Hornig im Deutschlandfunk am 24.Mai 1992)
»Noch nie habe ich beispielsweise Schuberts B-Dur-Trio so schön gehört wie auf der berühmten Cortot/Thibaud/Casals-Platte oder wie auf dem Rundfunkband von Gieseking/Taschner/Hoelscher...« (Joachim Kaiser in »Erlebte Musik«, 1977)


>> zurück <<